Ahnen- und Familienforschung

 
 
Solange ich zurückdenken kann, gibt es in meiner Herkunftfamilie ein Stammbuch; es war größer als "Diercke's Weltatlas" und in weiser Voraussicht mit vielen leeren Seiten für zukünftige Äste und Zweige gebunden. Die schon beschriebenen Seiten waren mit Tuschefeder von Hand geschrieben und durch mannigfaltige Ornamente und Graphiken geschmückt. Auf den ersten Seiten wurden Vorfahren aus dem 17 Jahrhundert mit ihren überlieferten Familienbanden dokumentiert. Den äußeren vorderen Umschlag - wie das gesamte Buch mit edlem grauem Leinen überzogen - schmückte kalligraphisch: "Stammbaum der Familie Wortmann".
 
Die Wortmänner waren die Familie meiner Oma väterlicherseits, der letzte Autor des Buches Eberhard Wortmann, der bei uns nur Onkel Ratz - seine Frau Tante Zickel - genannt wurde. Doch waren auch schon Seiten angelegt, die die Familie meiner Mutter, Familie Lohne aus Essen berücksichtigt. Meine Eltern waren da also schon drin, ob meine 3 Schwestern, mein Bruder und ich schon einen kleinen Ast haben, weiß ich nicht.
 
Als meine Geschwister und ich Erwachsene wurden, spielte das Buch wieder eine Rolle, jedoch eine andere: es wurde weitergereicht mit dem deutlichen Appell: "Mach Du 'mal weiter". Zur Zeit ist der Stammbaum in Lübeck bei meinem Neffen Tobias, der irgendwann wohl mal hatte verlauten lassen, gerne in der Vergangenheit zu stöbern; in der Tat ist er ein engagierter Im-Mittelalter-Lebender, baut Möbel, Kleider und Schuhe, sogar Rüstungen originalgetreu nach und hat anno 2004 mit allem Drum und Dran mittelalterlich geheiratet.
 
Kurz und gut: Irgendwann stieß ich im Internet auf eine Seite "Eberhard Wortmann", der jedoch schon über 20 Jahre tot war, bevor der erste PC in Deutschland überhaupt ans weltweite Netz ging. Die Seite wurde gepflegt von Veronika, in Argentinien geboren und jetzt in Italien verheiratet, eine Enkelin von Eberhard, die dessen wissenschaftliches Werk - Literatur über "Platons göttliche Harmonie" für die Nachwelt erhalten wollte. Ich nahm mit ihr Kontakt auf - so entstand ein flüchtiger Kontakt zwischen Familien auf zwei Kontinenten, denen neben Anderem noch gemeinsam ist, dass ihnen vielleicht noch tröpfchenweise Onkel Ratzens Blut durch den Organismus fließt.
 
Die entfernte Veronika und ihre noch weiter entfernte Mutter Rosemarie (oder Rosi) in Argentinien kümmern sich wenigstens darum und forderten mich kürzlich elektronisch auf, mich bei "Ancestry" registrieren zu lassen, was ich dann auch tat, und bei der Vervollständigung unserer gemeinsamen Ahnengalerie im modernen Medium mitzuhelfen. Also, jeder Wortmann, jeder Böse und jeder Lohne, der Lust und Zeit hat, nehme mit mir Kontakt auf und ich werde ihm bei Ancestry eine Tür öffnen.
 
Im Juli 2007 bekam ich folgende e-mail von meiner Tante Rosemarie aus Argentinien:
"... nun habe ich mir deine homepage angesehen und gratuliere dir sehr dazu. fabelhaft!!! und wie schön für mich, dass du meinem vater und meiner mutter so einen besonderen platz eingeräumt hast. ich bin ganz begeistert und habe die adresse auch gleich an meine kinder weitergegeben.
dass ihr eine "rektor stock-gruppe" habt, ist für mich auch eine ganz besondere erinnerung. du weißt, als wir damals von 1932-35 in paris wohnten, war rektor stock unser priester und mein bruder paul und ich waren die ersten kinder, die rektor stock in paris zur ersten
kommunion führte. auch war er oft bei uns zu hause.
ich kopiere dir aus meinen memoiren den absatz von rektor stock...
 
In Paris gehörten wir auch zu der "Deutschen Katholischen Gemeinde", die sich gerade gebildet hatte. Mein Bruder Paul und ich waren die ersten Kinder, die in dieser Gemeinde zur Ersten Heiligen Kommunion gingen. Da kein eigenes Kirchengebäude vorhanden war, fand die Feier in der Amerikanischen Kirche statt, und unser Geistlicher war der später sehr berühmt gewordene Abbé Stock. Dieser stammte zufällig auch aus Neheim-Hüsten, war deshalb häufig bei uns zu Gast und diskutierte und philosophierte dann stundenlang mit meinem ungläubigen Vater über Gott und die Welt. Während des Krieges ist Rektor Stock in Paris geblieben und hat über Tausend, von den Nazis zu Tode Verurteilten in ihren letzten Stunden getröstet, letzte Nachrichten und Grüße an die Angehörigen vermittelt und Deutsche und Franzosen, Widerstandskämpfer, Spione, Verräter, Freunde und Feinde auf ihrem letzten Weg begleitet, bis er dann selbst zusammenbrach und kaum 44-jährig starb. Es wurden Bücher über ihn geschrieben, in Neheim-Hüsten steht an der Kirche sein Denkmal, und er soll vielleicht vom Papst einmal selig gesprochen werden".
 
Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn Du Dich tapfer bis hierhin durchgelesen hast, wirst Du festgestellt haben, dass unsere Familienverhältnisse nicht sehr kompliziert sind. Nicht mal annähernd wie bei diesem italienischen Kriegsdienstverweigerer. Er schrieb an den Minister:
 
Sehr geehrter Herr Verteidigungsminister,
erlauben Sie mir bitte die Freiheit, Ihnen respektvoll Folgendes zu unterbreiten und ich bitte Sie um Ihre wohlwollende Bemühung, die Angelegenheit rasch zu bearbeiten.

Zurzeit warte ich auf den Einzug ins Militär, bin 24 Jahre alt und mit einer 44jährigen Witwe verheiratet, welche eine Tochter von 25 Jahren hat. Mein Vater hat die besagte Tochter geheiratet. Somit ist mein Vater mein Schwiegersohn geworden, da er ja die Tochter meiner Frau geheiratet hat. Zudem ist meine Tochter meine Stiefmutter geworden, da sie ja meinen Vater geheiratet hat. Meine Frau und ich haben letzen Januar einen Sohn bekommen. Dieser ist Bruder der Frau meines Vaters, somit der Schwager meines Vaters. Außerdem ist es auch mein Onkel, da er ja der Bruder meiner Stiefmutter ist.

Mein Sohn ist also mein Onkel. Die Frau meines Vaters hat an Weihnachten einen Sohn bekommen, der zugleich mein Bruder ist, da er ja Sohn meines Vaters ist, und mein Enkel ist, weil er Sohn der Tochter meiner Frau ist. Ich bin also der Bruder meines Enkels und da der Ehemann der Mutter einer Person ja der Vater ist, resultiert, dass ich der Vater der Tochter meiner Frau bin und Bruder ihres Sohnes.
Also bin ich mein Großvater. (Sensationell !!!!!!!!)
Nach diesen Erklärungen, sehr geehrter Herr Minister, bitte ich Sie, mich von der Militärdienstpflicht zu befreien, da das Gesetz verbietet, dass Vater, Sohn und Enkel zugleich Militärdienst leisten. Ich bin von Ihrem Verständnis, hoch verehrter Herr Minister, überzeugt, und bitte Sie, meine vorzügliche Hochachtung zu akzeptieren.

PS: In den Akten dieses Falles steht: Der besagte junge Mann wird wegen psychischer Unstabilität und beunruhigender mentaler Störungen, verstärkt durch ein gestörtes Familienklima, vom Militärdienst befreit.